2000-06: Berliner Morgenpost über The Real Forensic

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Berliner Morgenpost im Juni 2000 über The Real Forensic

Kein Doc für die Schwarzwaldklinik

«Real Forensic» beim «Ab die Post»-Festival

Von Andreas Becker

Leichen faszinieren die noch Lebenden. Einmal werden auch wir tot sein - und dann fallen die Maden und Fliegen über uns her. Das ist für viele gruselig oder eklig, für andere sind die Viecher eine wertvolle Informationsquelle. Gerichtsmediziner können anhand der Population, die sich auf einer Leiche bildet, einigermaßen genau den Todeszeitpunkt feststellen. Was schon so manches Alibi zum Einsturz brachte.

Eine Theaterinszenierung im Postfuhramt versucht Kapital aus dem vermeintlichen Grusel zu ziehen. Angelockt durch reißerische Texte im Programmheft des «Ab die Post 2000»-Festivals à la «in dieser Soloperformance geht es um Blut, Sperma und Leichen», ist die Werkstatt im Hof des Postfuhramts bis auf den letzten Bierbankplatz besetzt. Nicht Dr. Motte, Dr. Made alias Mark Benecke steht im weißen Ganzkörperdress auf der Bühne. Dr. Benecke wird gespielt vom New Yorker Murat Belcant. Da die Stories, die uns Benecke auftischt, so spannend denn doch nicht sind, hat man allerlei technischen Schnickschnack aufgefahren.

Der Doc, der niemals in der Schwarzwaldklinik einen Job bekommen hätte, packt kontinuierlich Pappkartons aus. Verschiedene englische Aufschriften darauf kündigen das nächste forensische Kurzkapitel an. Zwischendurch ertönt einigermaßen laut Gesampeltes und Gepoltertes oder auch Lou Reeds «Perfect Day». Zur «Baltic Forensic Story» erzählt Dr. Made von einer Wasserleiche, die in der Ostsee gefunden wird. Überm Rettungsring sei der Kopf des Mannes «skelettiert», also völlig kahl gefressen. Unterhalb dagegen habe er sich in eine seifige Fettmasse verwandelt. Nach Bestimmung der Fliegenart, die sich den Skalp einverleibt hatte, konnte man herausfinden, wo der Seemann ins Wasser gefallen war. Kein Mord! Denn in derselben Gegend war zu der Zeit ein Schiff verunglückt. Derlei Schauergeschichten gibts noch aus China und anderen Gegenden zu hören. Ansonsten projiziert man uns allerlei kleine Experimente auf die Leinwand.

Aus einem Karton zieht der Doc eine Portion Reiskörner und teilt diese in drei Haufen. Eine sinnentleerte Handlung, die er noch öfter an diesem Abend ausführen wird. Zweimal werden echte Hühnereier seziert, wohl um eine Analogie zu Maden und Insektenfortpflanzung herzustellen. Benecke drückt auch mal ein Knöpfchen am Labtop oder zeigt einen Kurzfilm vom Schlüpfen eines Schmetterlings. Auf die Dauer ist die Minimaldramaturgie des «Real Forensic» ziemlich ermüdend. Leichen gibts nicht zu sehen - wir sind ja nicht in der Charité. Immerhin findet der Doc in einem der Kartons ein Männchen aus Hackfleisch, das er auseinander schneiden kann.

Nach einer Stunde ist die Schocktherapie schon vorbei. Erstaunlich viel Beifall, kaum blasse Gesichter.