Ich habe geübt, anzukommen. Immer wieder. Aus allen Richtungen.

aus Luftschiff - http://www.luftschiff.org/
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Der Geist im Aufzug

Mit dem Bus der Linie 92, mit meist schwerem Gepäck - oder spät mit dem Taxi - ganz selten im Auto eines Freundes - meist jedoch zu Fuß.

Aus welcher Richtung ich auch komme - ich kann mein Ziel schon von weitem sehen. Ich habe Zeit, mich vorzubereiten und weiss doch nie, was mich erwartet. Immer wieder gehe ich ein paar hundert Meter in den Wald hinein, Kehre dann um - und versuche es nochmal. Der Weg ist längst vertraut.

Um ein Haar
hätte ich einen Trupp Fallschirmspringer

Eine Fußgängerbrücke über eine Schnellstrasse, ein merkwürdiges Autokennzeichen vor Vierzehn, ein Apfelbaum hinter dem Haus...

aus meinem Mund geschubst.

Ein blutroter Fleck an der Aussentür zu Sieben, drei gelbe Blumen in der Wiese vor dem Restaurant...

Doch die Befehle waren widersprüchlich
und die Schirme hätten sich sicherlich

Ein verschlossenes Gittertor, zwei steinerne Bänke, ein rotbrauner Kater...

nicht zum richtigen Zeitpunkt öffnen lassen.

Ein offenes Fenster in Vier, die Eingangstür zur Kapelle, eine breite Stufe aus Sandstein.

Sicher kann man nie sein.

Es macht kaum einen Unterschied, ob ich aus Bochum, Frankfurt, Berlin, Wien, Köln oder vom Einkaufen im Supermarkt am Westbahnhof komme - ob als Besucher, Bewohner oder wieder als Besucher: Die Ankunft ist immer etwas Merkwürdiges, Besonderes, Unberechenbares.

Die Schirme hätten sich sicherlich nicht geöffnet
und dann wären sie, einmal gestoßen,
alle weg gewesen
ziellos durch den Raum gesegelt oder
nach ein paar Sekunden freiem Fall

Durch die Eingangstür. In den Häusern kleben die Erinnerungen in den Ecken und an den Dingen, die ihren festen Platz haben. Ich setze meinen Weg fort.

zu hart aufgeschlagen auf das hölzerne Parkett.

Auf dieser Treppe saß B. und rauchte eine Zigarette.

Pinocchios Holzkopf leer.
Und wer weiss, wie lange es gedauert hätte
Die rote Couch

Diese rote Couch stand schon mal unter der Treppe zur Cafeteria.

bis die überlebenden sich wieder neu formiert und

Hier im Roten Salon hat P. auf einem Sessel übernachtet. An welchem Tisch saß M., als er mir sagte, er wolle nicht in die USA zurück, solange George Bush dort Präsident ist?

in der richtigen Reihenfolge aufgestellt hätten.

Etwas erinnert an etwas. Türen gehen auf. Ein paar Schritte noch. Ein nicht-funktionierendes Münztelefon an der Wand in Fünfzehn, zerbrochenes Glas und Porzellan in der Cafeteria, eine andere Geschichte...

Dies gehört dazu.
Ich bin wie Leuchtkäfer.

Ein bunter Vorhang aus Plastikperlen irgendwo in einem Studio am Oberen Hirschgang...

Ja.

Ein paar Turnschuhe vor der Tür zu Vierunddreißig...

Das wäre ein Vergleich.
Monatelang Larve gewesen...

Ein paar Sitzkissen und eine Topfpflanze im Unteren Hirschgang, ein Buch in der Bibliothek, versteckte Kameras in den Wänden von Sechzehn...

...um dann einen Tag zu glühen.

Ein Brandfleck auf dem Fussboden in Vierzig - und der Geruch im Fahrstuhl, der immer mal wieder, wie von einem Geist gesteuert, die Tür öffnet - auch wenn niemand darin ist.

Ich werde ein Irrlicht sein.

Tür zu. Geschafft. Nach der Ankunft schaue ich aus den Fenstern auf den Hochzeitskuchen, wie G. das Barockschloss mal genannt hat (oder war es L.?)...

Manchmal reichen Worte einfach nicht.

Auf die Hitlereiche, den Wald, die Windkraftanlage auf dem Berg aus Weltkriegsschutt...

Dann braucht es Irrlichter.

Auf die Wiese mit den Pferden, auf die vielen Hochzeitspaare mit ihren Fotografen. Und abends auf das langsam fließende Band aus Autoscheinwerfern.

Eine Frau mit einer Laterne.

Hier sind die Veränderungen der Jahreszeit entsprechend. Aber: Stand da hinten am Waldrand nicht im Sommer noch eine lange Reihe aus Miet-Toiletten für die Besucher des Oldtimerrennens? Sitzt da nicht jemand unter dem Apfelbaum, den ich kenne?

Nein.

Von oben betrachtet
wirkt alles schneller
als vom Boden aus.

Ich habe mich geirrt. Manchmal ist der Nebel hier so weiss wie ein Bettlaken. Dann endet der Blick direkt hinter der Fensterscheibe.

Dabei würde es vielleicht genügen
wenn jemand ruft. Stopp!

Erinnerung liegt in mehreren Schichten. Wechselnde Namen an den Klingeln - verschiedene Gespenster. Im März 2002 habe ich drei Osterglockenzwiebeln in der Wiese vor dem Schlossrestaurant vergraben. Ich wollte Spuren hinterlassen an einem Ort, an dem ich angekommen bin und den ich von nun an mit mir herumtragen werde.


Klaus Fehling im Januar 2004 für Jahrbuch 7 - Akademie Schloss Solitude, ISBN 3-929085-97-6, Edition Solitude, 18 Euro.

(Die kursiv gedruckten Stellen sind dem Theatertext »Klopfzeichen. Leuchtfeuer. Rauchsignale.« entnommen, das ich während meines Solitude-Aufenthalts geschrieben habe und das am 11. Dezember 2003 in Studio 15 uraufgeführt worden ist. K.F.)