2009-10 aKT6: Modenschau nach Lessing

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Modenschau nach Lessing

Das dramatische Gedicht „Nathan der Weise“ im Theater Tiefrot

Der Abend beginnt im Nebel. Er quillt lautstark aus einer Effektmaschine und umhüllt langsam die ersten Sitzreihen und den einsam auf der Bühne sitzenden Soldaten im Kampfanzug. Wie eine Waffe hält dieser eine Klarinette, auf der er schließlich wilde Melodien spielt - bevor er wieder im Bedeutungshintergrund verschwindet.

Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ spielt zur Zeit des dritten Kreuzzugs im 12. Jahrhundert und behandelt unter anderem den Konflikt zwischen Judentum, Christentum und Islam. Vielleicht steht der merkwürdige Soldat, der erst am Ende des Stücks wieder auftreten und – diesmal ohne Nebel – das Bild vom Anfang wiederholen wird, für diesen Konflikt.

Der Jude Nathan ist ein reicher Mann, der von vielen wegen seiner bekannten Tugend und Güte „Der Weise“ genannt wird. Er ist soeben von einer erfolgreichen Geschäftsreise zurückgekehrt und hat sofort alle Hände voll zu tun. Zum einen musste seine Pflegetochter während seiner Abwesenheit von einem jungen Tempelherren aus dem Feuer gerettet werden, kann sich nun aber nicht angemessen bedanken, weil ihr Retter als glühender Antisemit nicht mit dem Judenmädchen sprechen will. Zum anderen braucht der örtliche Sultan dringend Geld und traut sich nicht, den Juden Nathan anzupumpen. Statt dessen ruft er den Weisen zu sich, um – wie er vorgibt – mit ihm über die Frage der „wahren Religion“ zu diskutieren.

Nathans erfolgreiche Bemühungen, die komplizierten Verwicklungen zu entwirren, nutzt der Dramatiker Lessing ausgiebig als Fläche für allerhand tiefgreifende Erkenntnisse zum Thema Humanismus und Religionen. Er schrieb „Nathan der Weise“ als „Ideendrama“, in dessen Mittelpunkt eine philosophische Idee in Form einer Weltanschauung steht. Das Stück bietet viele Möglichkeiten einer zeitgemäßen Herangehensweise oder Fragestellung an den Stoff.

Doch was im Theater Tiefrot so effektvoll begann, entpuppt sich bald als sehr konventioneller Theaterabend. Das darstellende Personal stellt dar, die Kostüme kostümieren und die Musik illustriert, ohne zu stören. Die Schauspieler, von denen einige in ihrer Vita auf eine Vergangenheit als Gesichtsverleiher bei TV-Seifenopern verweisen, stecken in schick entworfenen Anzügen und edlen Seidenkleidern, wodurch ihre catwalkartigen Auftritte sehr eitel erscheinen. Allein Nathan (Joachim Berger) ist als Figur wirklich überzeugend und durchgehend greifbar. Das übrige Personal klebt meist zu sehr an Klischees und wirkt weitgehend blutleer. Die solide Stückvorlage und der behutsame Umgang mit dem Text ermöglichen dennoch, der Handlung bis zum Schluss zu folgen.

Der weise Nathan schafft es, den Tempelherren (im Tiefrot eher ein bockiger Billy-Idol-Klon im Anzug) zu einem Besuch bei seiner Pflegetochter (tolles Kleid!) zu überreden, wo sich dieser natürlich sofort in die von ihm Gerettete verliebt. Auch der Sultan (im strahlend weissen Maßanzug und mit goldener Armbanduhr) ist mit Nathans Hilfe bald wieder flüssig. Sogar in der Frage nach der Wahrheit der Religionen ist man weitergekommen, so dass selbst der fromme Klosterbruder erkennt: „Zudem, ich seh' nun wohl: Religion ist auch Partei.“

Beim großzügigen Premierenapplaus bedankte sich Regisseur Volker Lippmann beim Publikum dafür, dass es tapfer zweieinhalb Stunden ausgehalten hätte. Dass es den Zuschauern doch kurzweiliger vorgekommen war, lag wohl daran, dass die Modenschau in Wirklichkeit schon nach zwei Stunden vorbei war.

Klaus Fehling

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