2009-03 StadtRevue Kölnmagazin: Mein Freund ist Nerd

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StadtRevue Köln 03/2009


S. 14, Artikel von Klaus Fehling und Sarah Richter

Mein Freund ist Nerd

Der Chaos Computer Club Cologne bietet ein Projekt an, bei dem Jugendliche vom heimischen Rechner weggeholt und mit Gleichgesinnten zusammengebracht werden sollen.

In Unterhaltungsfilmen werden Hacker oder Computernerds meist als verrückte Genies dargestellt, die in einsamen Nächten von ihren mit Pizzaschachteln und Coladosen vollgemüllten Schreibtischen aus in fremde Computersysteme einbrachen und die Welt per Tastendruck zum Stillstand bringen können.
Passend zum Filmklischee gelten Nerds in der "normalen" Öffentlichkeit daher oft als schrullige Alltagsversager mit einem ungeselligen Hobby. Anders sieht es in der Szene selbst aus: Unter Gleichgesinnten gilt die Bezeichnung Nerd als Auszeichnung, schließlich ist mal als Spezialist auf seinem Fachgebiet anderen meilenweit voraus.
Was auch immer man nun unter dem Begriff verstehen will - seit mehr als zwanzig Jahren finden sich Nerds in ganz Deutschland im Chaos Computer Club (CCC) zusammen. Was als kleine Runde in den Berliner Redaktionsräumen der taz begann, hat sich mittlerweile zu einem bundesweit organisierten Verein mit über 2000 Mitgliedern gemausert. Seit 1997 ist die dezentral organisierte Vereinigung auch in Köln vertreten. Der Chaos Computer Club Cologne (CCCC) ist in Ehrenfeld beheimatet, hat etwa 50 Mitglieder - und macht vor allem durch seine gemeinnützige, integrative Jugendarbeit auf sich aufmerksam. Neben einem Programmierkurs für computeraffine Mädchen ab 16 Jahren - so genannte "Häcksen" - gibt es mit dem Projekt "U23" seit 2002 auch ein jährlich stattfindendes Angebot für junge Nerds beider Geschlechter unter 23 Jahren.
Unter der Anleitung erfahrener Tutoren beschäftigt sich der Hackernachwuchs dort zum Beispiel mit dem Bau eines selbst entwickelten Strichfolgeroboters, der seine Befehle selbstständig von einem Barcode liest und ausführt, oder mit dem sogenannten "Fnordlicht", einer intelligenten Stimmungsbeleuchtung für das stilbewusste Hackerwohnzimmer. Auch ein Wettbewerb im Auffinden und Ausnutzen von Sicherheitslücken stand bereits auf dem Programm - selbstverständlich mit dem Ziel, die Teilnehmer für Sicherheitsprobleme zu sensibilisieren.
In erster Linie sollen die Projekte einfach Spaß machen und neues Wissen vermitteln. Doch neben dem kreativen Umgang mit Technik spielt der Kontakt zu Gleichgesinnten für die Veranstalter die wichtigste Rolle. Daher wird versucht, den Teilnehmern möglichst viel Kontakt zur Welt außerhalb des heimischen Jugendzimmers zu verschaffen. So besuchen sie gemeinsam CCC-Gruppen und Projekte in anderen Städten. Für die Zukunft möchte man auch vermehrt Kontakte zu Nicht-CCC-Projekten etablieren, zudem wären Besuche in Technik-Museen oder bei Unternehmen aus der IT-Branche denkbar. Zu Beginn und zum Abschluss des Projektes gibt es Info-Abende, bei denen sich auch Eltern darüber informieren können, was ihr computerbegeisterter Nachwuchs so treibt.
Ziel sei es, "die Nerds von der Straße zu holen", erklären die U23-Organisatoren augenzwinkernd ihre Motivation. Schließlich wissen sie, dass "Nerds manchmal Probleme haben, sich in die Gesellschaft einzuordnen".
Zudem erhofft sich er Club durch das Projekt aber auch frischen Wind für die eigene Arbeit. Mit Erfolg, denn im Schnitt konnte der CCCC jährlich mindestens drei neue aktive Mitglieder durch seine Jugendarbeit gewinnen. Zwar beklagen sich die Kölner nicht über Nachwuchsprobleme - aber regelmäßige Verjüngung kann auch in Hackerkreisen nicht schaden.
Der Andrang der Nachwuchshacker beim U23-Projekt ist jedenfalls groß. Im vergangenen Jahr wollten fast 80 Interessenten zwischen 14 und 23 Jahren teilnehmen. Auch in 2009 ist ein U23-Projekt geplant. Dann werden sich die Teilnehmer wieder sechs Wochen lang im Chaoslabor an der Vogelsanger Straße in Ehrenfeld treffen. Ganzjährlich veranstaltet der Club außerdem ein Mail im Monat einen öffentlichen "OpenChaos"-Abend mit Vorträgen zu aktuellen Themen - nicht nur für Nerds.

Klaus Fehling/Sarah Richter