2006-12 StadtRevue Kölnmagazin: Schmelzender Schnee

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Das Rose-Theegarten-Ensemble verabschiedet sich mit Kafkas "Schloss"

(Theater im Bauturm, Köln)

Und wieder geht eine Ära zu Ende. Mit der Produktion "Das Schloss" verabschiedet sich jetzt auch das Rose-Theegarten-Ensemble bis auf Weiteres von den Brettern der Stadt. Nach der Streichung der bisher für relative Planungssicherheit sorgenden städtischen Konzeptionsfördermittel sieht die Gruppe jetzt keine Möglichkeit mehr, ihre Arbeit fortzusetzen. Damit zieht ein weiterer bekannter Name die Konsequenz aus der prekären finanziellen Situation, in der sich ein Großteil der freien Kölner Theaterszene befindet.

Für die Bühnenumsetzung von Kafkas posthum erschienenem Romanfragment greift das Ensemble noch einmal in die Vollen: Kerzenlicht und echter Schnee sorgen im Bauturm für eine gespenstisch-geheimnisvolle Atmosphäre, die aber nach einer Weile einem Verständnis der hintergründig verrätselten Geschichte des Landvermessers K. mehr im Weg steht als hilft. Dem Zuschauer wird es im Laufe des dreistündigen Abends (inklusive Pause) nicht leicht gemacht, Kafkas Erzählung zu folgen, deren Hauptfigur - zumindest im Original - kaum weniger rätselhaft ist, als die fremde Dorfgemeinschaft, in der sie einen Platz finden will.

Schnell wird klar: "Das Schloss" ist kein dramatischer Text. Schon in der Vorlage haben die Figuren deutlich mehr eine beispielhaft symbolische Funktion als ein individuelles Wollen. Was auf dem Papier, zumal in Kafkas eindrucksvoller sprachlicher Dichte, gut funktioniert, bleibt auf der Bühne blutleer. Dagegen helfen weder die zusammenhanglosen konzertartigen Gesangseinlagen der Damen, noch die gut choreografierten Clownerien der Gehilfen des Landvermessers K.. Auch Kunstgriffe, wie das Spiel mit Mummenschanz und "silly walks" oder das zeitweilige Heraustreten der Schauspieler aus ihren Rollen, tragen noch weiter zur Verwirrung bei.

Die Inszenierung bleibt darüber unentschieden, worauf sie ihren Fokus richten will. Und so bleibt zum mündlich erzählten Showdown nicht viel mehr übrig, als das vordergründige Gleichnis vom unerreichbaren Schloss mit seinen Beamten und dem vorauseilenden Gehorsam der Dorfgemeinschaft. Wer auf einen wirklich kafkaesken Abend hofft, wird enttäuscht. Statt dessen gibt es Blues- und New-Wave-Musik, ein paar interessante Verwirrungen, sehr schönes und präzises Schauspiel im Kerzenlicht - und eine Bühne voller schmelzendem Schnee, von dem am Ende genauso wenig zurückbleibt wie von Kafkas Landvermesser K..


Klaus Fehling